CAMP-BERLIN ist ein kleines Team, bestehend aus berg- und reisebegeisterten Freunden, die unterschiedlichste alpine und hochalpine Touren unternehmen. Neben dem Schwerpunkt auf die gesamten Alpen sind wir auch unregelmäßig an kleineren oder größeren Zielen unterwegs, wo wir ständig versuchen, neues kennenzulernen!

Tourenbilder





Ortler (3905m)
Galerie  (28.08.2003, 29.08.2003, 30.08.2003)

* 28.08.2003

Gipfelroute: Aufstieg von Trafoi bis zur Payer Hütte, Nordgrat

Trafoi - Payer Hütte

Da ich (Daniel) die drei Tage im Nachhinein nicht besser wiedergeben könnte, will ich hier ausnahmsweise mal ungekürzt meine Tagebuchaufzeichungen von der Besteigung des Ortlers hier hinein stellen:

Trotz des schlechten Wetterberichts brechen wir nach einer viel zu kurzen Nacht Richtung Ortler-Gipfel auf. Um 6:30 Uhr ist alles verstaut und wir starten bei einem herrlich klaren Morgen Richtung Payer Hütte. Wir kommen zügig voran und machen unsere erste Pause schon auf etwa 2250m. Schnell erreichen wir dann in praktisch vollkommener Einsamkeit das Edelweiß-Biwak (2481m), wo wir dann ausgelassen rasten und uns erst nach 2 Stunden bei strahlendem Sonnenschein wieder aufmachen Richtung Tagesziel. Die letzten paar hundert Meter ziehen sich dann allerdings nochmal, bis wir schließlich um kurz vor 14 Uhr die ziemlich volle Hütte erreichen.
Nach ausgiebiger Rast wagen wir dann noch den Weiterweg, um uns einmal die Kletterpassage anzuschauen. Der erste Eindruck ist allerdings recht schockierend: Brüchiger, fast senkrechter Fels führt auf den Gletscher. Mit gemischten Gefühlen kehren wir zur nun fast leeren (?) Hütte zurück und beeilen uns mit dem Kochen, denn der Himmel färbt sich in einiger Entfernung bereits bedrohlich dunkel. Wir wollen das Wetter morgen abwarten und dann wenigstens einen Versuch Richtung Gipfel starten, wenn die Bedingungen einigermaßen akzeptabel sind. Ich bin skeptisch...









* 29.08.2003

Payer Hütte

Der Wecker klingelt das erste Mal um 6 Uhr. Stürmische Geräusche, Regen - wie die ganze Nacht schon. Ohne einen Blick nach draußen zu werfen entschließen wir uns mit wenigen Worten die Entscheidung auf 8 Uhr zu verlegen.
Der Wecker klingelt das zweite Mal um 8 Uhr. Das Bild gleicht dem ersten Weckerklingeln. 1 1/2 Stunden später stehen wir schließlich auf und frühstücken ein Minimum. Mit hungrigen Mägen sitzen wir schließlich völlig allein im kalten Aufenthaltsraum wo uns klar wird, daß dieser Tag im ausgeprägten Tiefdruckgebiet ein sehr langer, ereignisloser wird. Um kurz nach 11 die erste positive Wende: Fred gelingt es, den absteigenden Tschechen ein paar Lebensmittel abzunehmen: Unentgeldlich, in großer Vielfalt. Die zweite Wende: Die 20jährige Hüttenbedienstete (Kristiane) gesellt sich aus Langeweile zu uns (wir sind die einzigen verbliebenen Bergsteiger auf der Hütte) und wir kommen schnell ins Gespräch. Zu 4. verbringen wir die Zeit bis zum Abend mit Quatschen und Kartenspielen. Es scheint kein Bergsteigen, keinen Ortler mehr zu geben: Wir unterhalten uns über den Alltag, Freunde und die weiße Wand aus Wolken und Hagel draußen scheint uns vom Rest der Außenwelt abzuschirmen.

Am Abend kommt dann noch einmal Bewegung in die Hütte: Zwei Bergführer kommen völlig durchnäßt mit einer Gruppe Holländer an. Ihren Plan, den Ortler am nächsten Tag zu besteigen, haben sie längst gestrichen. Und auch der Wetterbericht ist alles andere als zuversichtlich. Keine Wetterbesserung in Sicht. Diese beiden Nachrichten lassen die Zuversicht auf den Nullpunkt sinken. Zwar bin ich froh, daß wir nach endlosen Diskussionen wenigstens auf der Hütte geblieben sind für heute, rechne mir aber nun nur noch eine etwa 5%ige Chance auf den Gipfel aus. Alles scheint gegen uns zu sein. Einzig der langsam wieder steigende Luftdruck gibt mir wieder einen Funken Hoffnung. Die unglaubliche Enttäuschtheit am Abend im Lager läßt sich jedoch nicht beiseite wischen. Morgen ist der Wecker um 6 Uhr gestellt - eher aus Pflichterfüllung als aus Zuversicht...






* 30.08.2003

Payer Hütte - Ortler Gipfel - Trafoi

Irgendwann morgens werde ich wach. Ich blinzle hoffnungslos aus dem Fenster und erkenne schemenhaft die Umrisse von Bergen am Horizont unter einem dunkel zartem blau-grau. Gedankenlosigkeit.
Eine viertel Stunde später schaue ich noch einmal - das Bild hat sich nicht verändert. Ein leichter Hoffnungsschimmer überkommt mich - sollte es tatsächlich sein? ich krame im Halbdunkeln nach meiner Uhr und lese 6 Uhr. Im selben Augenblick springe ich aus dem Bett und laufe zum Fenster, wo ich den Ortler sehen kann: Da ist er - im zarten morgendlichen Rosa hinter einem blauen Himmel. Es ist unglaublich! Mir schießt nur eins durch den Kopf: Entweder heute oder nie!

Schnell ist alles zusammen gepackt und wir starten Richtung Ortler Gipfel gegen 6:30 Uhr - endlich! Zurück bleiben ein paar frustrierte Holländer, die wohl ewig auf ihre Gipfelchance am heutigen Tag warten werden. Wir bringen die Felspassage ohne größere Probleme in etwa 2 Stunden hinter uns. Griffiger, trockener, ausgesetzter Fels. Der selbe Fels, der vor 2 Tagen noch so bedrohlich unüberwindbar ausgesehen hat. Das Lombardi-Biwak erreichen wir über eine kurze kombinierte Felspassage, bevor wir durch den steilen Gletscherbruch des Ortlergletschers einen neuen "Berliner Normalweg" legen, bis wir schließlich die eingeschneite Spur wiederfinden. Im Vergleich zur normalen Spur kann sich unsere Variante sehen lassen: Immerhin bis knapp 50° steil über diverse Spalten. Auf dem oberen Gletscherplateau ist schließlich jede alte Spur verdeckt und ich spure dem windumtosten Gipfel am Horizont entgegen. Herrliches Höhersteigen über der braungrauen Welt.

Wir stehen am Gipfel! 11:15 Uhr, 3905m die Fakten. In Wirklichkeit: Klare Sicht nach Norden soweit das Auge reicht mit Weisskugel, Similaun, Wildspitze. Im Süden eine Wolkenwand, die keine 10m Sicht zulässt. Im Wind ist es zwar kalt aber ertragbar. Einzig das unberechenbare Wetter vertreibt uns wieder vom Gipfel. Wieder einmal dieses besondere Glücksgefühl auf einem Gipfel.. ich habe es lange vermisst.

















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