CAMP-BERLIN ist ein kleines Team, bestehend aus berg- und reisebegeisterten Freunden, die unterschiedlichste alpine und hochalpine Touren unternehmen. Neben dem Schwerpunkt auf die gesamten Alpen sind wir auch unregelmäßig an kleineren oder größeren Zielen unterwegs, wo wir ständig versuchen, neues kennenzulernen!

Tourenbilder





Castor (4226m) und Pollux (4092m)
Galerie  (06.09.2003)

* 06.09.2003

Gipfelroute Castor: Aufstieg Südgrat, Abstieg
Westwand (Überschreitung)

Gipfelroute Pollux: Aufstieg Südwestgrat, Absteig Nordgrat sowie über Schwärzegletscher (Überschreitung)

Sella Hütte (3585 m) - Castor (4223 m) - Pollux (4092 m) - Monte Rosa Hütte (2795 m)

Unsere Nacht im Einzelzimmer, nach ungewohntem Luxus in der Sella Hütte mit fließend Wasser zum Waschen und Zähne putzen, endet abrupt um 6:00 morgens. Da die gesamte Hütte zu dieser Zeit recht wenig besucht ist, kommen wir schnell und ohne Gedränge in die kalten Schuhe und sind noch vor Sonnenaufgang bereits wieder auf dem Gletscher nach Norden in Richtung Felikjoch unterwegs. Die relativ breite Spur ist jetzt viel leichter zu finden als noch am nebeligen Vorabend und so kommen wir in den frühen, morgendlichen Stunden entsprechend gut voran. Nutzen aber viele kleine Pausen für das Schauspiel der tanzenden Wolkenfetzen, dass sich rings um uns herum ereignet, um Durchzuatmen oder Fotos zu machen. Noch reichlich müde stapfen wir mehr oder weniger wortlos die rund 500 Höhenmeter hinauf, die erst im letzten Stück, einem vereistem Grat, der steil auf den südlichen Kessel der Liskamm-Südwand abfällt, mit voller Aufmerksamkeit zu meistern sind. Diese erste Anstrengung reicht schon aus um die Müdigkeit los zu werden und als auch noch die Sonne die klare Luft aufheizt, freuen wir uns auf die anstehende Tour. Der Blick schweift nach Süden, einem Wolkenmeer über Norditalien und das Gefühl von ersehnter Freiheit stellt sich ein - Melancholie pur!

Vom Felikjoch aus sichtbar und nicht allzu weit entfernt, erhebt sich in westlicher Richtung die charakteristischen Stufen, die sich bis in eine Höhe von 4223 m zum höchsten Punkt des Castors aufschwingen. Ein Grat, in nordwestlicher Richtung gelegen, der sicherlich nicht mit der Steilheit und Abruptheit der Liskamm mithalten kann, dafür aber ein Weg zwischen grandiosen Eislandschaften oberhalb von 4000 m. Für Bergsteiger, die zuvor die Liskamm überschritten haben, also einfaches Gehgelände, ansonsten sicherlich aufgrund der Ausgesetztheit schon anspruchsvolleres Terrain. Da nach uns bereits die nächste Gruppe folgte, machen wir uns recht schnell wieder auf den Abstieg über die Nordwest-Flanke. Kurz vor Erreichen des Bergschrundes muss eine vielleicht 20 Meter lange Felspassage hinab geklettert werden, bevor wir den Gletscherrand erreichen. Hier kommen uns schon die ersten geführten Gruppen entgegen, die den Gipfel noch vor sich haben. Die gleichmäßig steile und vereiste Flanke trotten wir so gut das geht im gleichmäßigen Tempo hinunter, immer darauf achtend, die Knie so weit es geht zu schonen bei diesem Gefälle.

Obwohl beide Berge von der Namensgebung eng zusammen gehören, unterscheiden sich die Hauptrouten von Castor und Pollux, unserem nächsten Viertausender, erheblich. Während der Weg auf den Castor von beiden Seiten über fast reine Gletscherzustiege erfolgt, führt der Weg auf den Pollux über die Südwest-Rippe durch ausnahmslos steiniges Klettergelände. Da dieser sehr einfach über das Breithornplateau zu erreichen ist, ist auch an diesem Vormittag ziemlich viel los. Anfangs windet sich der Weg durch Geröll- und Schotterhänge, doch schon bald mündet er in leichter 1er-Kletterei. Vorsichtigkeit ist dennoch wichtig, da durch Steinschlag, durch anderen Bergsteiger verursacht, ein sicheres Klettern gestört werden kann. Einige Passagen sind auch mit Stahlseilen gesichert, um das Kraxeln über große Platten zu erleichtern. Mit 4092 m ist der Pollux zwar nicht der höchste Gipfel der Umgebung und dieses Gefühl vermittelt er auch nicht, aber einen Abstecher ist er allemal wert.

Für uns, die wir noch gut in der Zeit liegen, sollte der Weg, anders als hinauf, über den Schwärzegletscher zur Monte Rosa Hütte führen - so war es zumindest geplant, um unsere "kleine" Rundtour zu vollenden. Uns war durchaus in der Vorbereitung bewusst, dass es keine richtige Spur und damit auch keinen Weg durch diesen Teil des Monte Rosa Gebiets gab, da auch in der Literatur nichts zu finden war. Wiederum war es aber das nötige verbindende Teilstück, um zur Monte Rosa Hütte zurück zu kehren. Bei schlechter werdendem Wetter steigen wir also zunächst in die Nordostwand des Pollux ein, merken allerdings sehr schnell, dass die Schnee- und Eisverhältnisse bei dieser Steilheit einen einigermaßen sicheren Abstieg nicht erlauben. Darum geben wir den Plan auf, die steilere Nordwestwand zu umgehen und pickeln uns im Stile von echten "Nordwandbezwingern" die steile Flanke bei schlechten Eisverhältnissen mühsam hinab. Richtig wohl geht es dabei keinem von uns, da auch das teilweise Sichern mit Eisschrauben keine Sicherheit vermittelt und ein Sturz wahrscheinlich böse ausgehen würde. Trotz der haarigen Situation, in der wir uns befinden, bleiben wir alle relativ ruhig und überlegt. Aber als das Gelände deutlich flacher wird und wir den oberen Gletscher erreichen, sind wir schon deutlich erleichtert, obwohl der Weg durch den Gletscherbruch noch endlos erscheint. Denn kaum, dass wir durch die Nordwand unbeschadet durchgekommen sind, bauen sich vor uns riesige, chaotisch gefaltete Eistürme auf. Der Gletscherbruch auf rund 3200 m hat gewaltige Dimensionen, zumal wenn man keine Ahnung hat, welches der richtige Weg ist. Nach diversen fehlgeschlagenen Versuchen, unzähligen Vorstößen, die doch wieder im Nichts enden, bahnen wir uns einen Weg hinunter, den Grenzgletscher immer im Blick. Unzählige Eistürme müssen wir abklettern oder in kleinere Gletscherspalten abseilen, um bis zur nächsten Ecke zu hoffen, dass es dort auch noch weitergeht. Alle Nerven sind bis zum Zerreißen angespannt, wir reden kaum, nur, um den weiteren Weg zu besprechen. Ab und zu fallen erste Schneeflocken und so langsam bricht die Dunkelheit herein. Das Gefühl der völligen Erschöpftheit nimmt immer mehr zu.

Erst nachdem die Sonne schon hinter den Gipfeln im Westen verschwunden ist, erreichen wir den Grenzgletscher - ein Gefühl der Sicherheit macht sich breit! So richtig bewusst erleben wir den letzten Teil der Tagesetappe nicht mehr. Schleppen uns über den aperen Gletscher bis an den Fuß des Hügels, an dem die Monte Rosa Hütte steht und quälen uns einzeln im letzten Tageslicht die Serpentinen hoch bis zu unserer vertrauten Nächtigungsstätte. Drei eindrucksvolle Portraitfotos entstehen! Knapp 13,5 Stunden sind wir an diesem Tag unterwegs gewesen, in denen sich zur hohen körperlichen Belastung auch noch die nervliche Angespanntheit dazu addiert hat, was man uns allen deutlich ansehen konnte.

[Kleiner Nachtrag: Von der Hüttenwirtin erfuhren wir, dass es im Sommer eigentlich keinen Weg durch den Schwärzegletscher gäbe, nur im Winter wäre dieser ab und zu machbar und sie machte ein sichtlich überraschtes Gesicht über unsere Herkunftsroute. Well done, guys!]
























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